Wechselzeit

Bye Bye Canon - Hello Karma

Das Leben ist voller Veränderungen und wenn man gewillt ist unkonventionell zu leben und zu arbeiten, dann fühlen sich diese Veränderungen irgendwie intensiver an. Eine Geschichte von Wiederentdeckungen, Karma und vielleicht ein wenig Glück.

Wenn Mann Fotograf ist, oder zumindest gern fotografiert, dann kauft er sich eine Kamera. Im frühen Stadium seiner Leidenschaft lässt er sich von technischen Fakten leiten, hangelt sich nächtelang durch Foren und vergisst dabei meist vollkommen was er braucht und viel schlimmer noch seine Leidenschaft zum Bild. Frau ist da eher leidenschaftlicher, da muss eine Kamera erstmal gut ausschauen und zweitens muss sie sich gut anfühlen. Männer brauchen eine Weile, bis sie auf diese einfache Genialität kommen. Warum sich eine Kamera gut anfühlen muss? Ganz einfach, sie ist unser Auge, unser Pinsel, der Bilder malt. Sie wird in unseren Händen zur kreativen Gehirnhälfte. Bei aller Technik gilt am Ende immer noch: „Der Fotograf macht ein gutes Bild, die Kamera ist nur das Werkzeug.“

Aber da ist noch mehr. Sie teilt mit uns intensivste Momente, erlebt die Tränen, wenn der Bräutigam die Braut küssen darf. Sie ist dabei, wenn wir uns in aufregende Situationen bringen, um ganz nah dabei zu sein. Wir würden ihr nach einem perfekten Bild gern auf die Schulter klopfen und am Ende einer langen Reportage, lassen wir ihr ihren Stolz in vollem Antlitz noch auf dem freigeräumten Schreibtisch präsentieren. Es gibt sicher Freaks und sogenannte Realisten, die an diesem Punkt sagen: „Ihr spinnt, das ist nur eine Maschine“. Aber nur wer Eins wird mit dieser Maschine, kann genau das wiedergeben, was er im Kopf als Bild ausbrütet.

Ich habe bisher mit einem Klassiker unter den digitalen SLR-Kameras gearbeitet und ich liebe die Canon EOS 5D Mark II. Sie hat mich nie im Stich gelassen und ist nun doch an meine Grenzen gestoßen. Canon hat in den letzten Jahren effektiv dazu beigetragen, dass ich mich innerlich schon länger von diesem Hersteller getrennt habe. Für mich haben sie vergessen, was Fotografie ausmacht und wer hinter der Kamera steht. Sie treiben die Preise für minimalste Veränderungen in galaktische Sphären und haben es nicht einmal geschafft das wichtigste Bedürfnis eines Fotografen weiterzuentwickeln – den Dynamikumfang. Denn das ist genau das, was die Kamera unserem menschlichen Auge ähnlicher werden lässt. Deshalb sage ich ByeBye Canon.

Da mir die Kamera trotzdem sehr am Herzen liegt, hatte ich mir gewünscht, dass sie eine neue Heimat bekommt, in der sie auch geschätzt und gefördert wird. Glücklicherweise traf ich Nancy Jesse Photographynach gut 15 Jahren in den sozialen Netzen wieder. Vielleicht war auch hier Karma im Spiel. Mit guten 15 Jahren hatte sie damals noch nicht wirklich was mit der Fotografie am Hut. Heute ist sie eine aufstrebende und sehr begabte Fotografin. Am Samstag haben wir uns nach all den Jahren in unserer Heimatstadt endlich wiedergetroffen. Man denkt vorher oft, wie das wohl sein könnte … sicher total verkrampft … quatsch. Wir haben von der ersten Sekunde lang, wie alte Freunde locker flockig über alles Mögliche geredet. Zwei Stunden vergingen wie im Flug und ich war sehr glücklich ihr meine 5D Mark II in die Hände zu legen.

So geht die eine Liebe dahin und die nächste wartet am Bahnsteig in eine unbekannte Zukunft darauf freudestrahlend mit offenen Armen empfangen zu werden. Ich werde sie sicher nicht enttäuschen. In meinem Kopf sind viele neue Momente und ich will sie mir ihr teilen. In diesen Gedanken schließt man einen Tag, bis es an der Tür klopft und etwas sagt: „Hallo, ich bin dein Karma.“

Wieso Karma? Dazu muss ich weiter ausholen. Ich fotografierte als kleiner Bub schon gern mit einer Beirette. Das war eine Plastik-Kamera aus den Werken der damaligen DDR. Einstellungen gab es nicht, nur abdrücken. Mir wurde dann eine Kamera an´s Herz gelegt, die einiges mehr konnte. Doch ich hatte vor dieser Kamera viel zu viel Respekt, als mit ihr zu fotografieren. Sie war schwer, sie glänzte und schien sehr wertvoll in meinen jugendlichen Augen. Im Sturm des Lebens ist sie irgendwann verloren gegangen, zur selben Zeit, als ich Nancy aus den Augen verlor. Als in mir die Wünsche der Analog-Fotografie wieder aufkamen, dachte ich nur an sie, bis heute. Also … an die Kamera … hauptsächlich.

So trug es sich zu, dass ein Nachbar, ein älterer Herr, der sich unseren Vorgarten des Gründerzeit-Hauses als eigenes Domizil ausgebaut hatte, ein Paket von mir annahm. Von der Empfänger-Adresse, Auralumina-Photography, schloss er auf einen Fotografen und wollte beim Abholen des Pakets unbedingt wissen, was denn in dem Karton sei und ob ich Fotograf sei. Er meinte, er hätte noch eine alte Kamera, aber kann eh nicht mehr fotografieren und wenn ich doch mal Zeit hätte, sollte ich die abholen. In den letzten Wochen hatte ich aber nie wirklich Zeit mal bei ihm zu klingeln. Doch es ergab sich, dass ich mal wieder ein Paket abholen musste. Die Kamera nebst einer alten Herrenrasierer-Tasche hatte er schon neben das Paket gelegt und drückte es mir mit hell leuchtenden Augen in die Hand. Ich verstand es nicht, kennt er mich doch gar nicht und auch nicht meine Bilder. Ich nahm seine „Spende“ jedoch gern entgegen und bedankte mich gefühlte hundert Mal.

Auf dem Weg des langen Treppenhauses nach oben warf ich einen schnellen Blick auf die alte Lederhülle der Kamera, die mir irgendwie verdammt bekannt vorkam. „Pentakor“ stand drauf … dieses Symbol hatte ich schon mal irgendwo gesehen. Naja … erstmal sauber machen, dachte ich mir. Oben angekommen packte ich sie aus der Lederhülle aus, als hätte ich das schon irgendwann mal gemacht, dabei ist das nicht ganz so einfach. Da lag vor mir eine Praktika in den Händen und so langsam rieselte mir der Kalk von der Denkgrütze. Das war die Kamera, die mir vor 15 Jahren abhanden gekommen war. Obendrauf gab es noch ein 50 mm 1.8 und ein 400 mm Zoom aus einer ganz anderen Epoche. Irgendwas wollte mir das Schicksal wohl damit sagen. Nun, da ich sowieso endlich mal wieder analog fotografieren wollte und diese Kamera auf so seltsamem Weg wieder zu mir gefunden hat, werde ich sie im Fotohaus des Vertrauens reinigen und durchchecken lassen. Ich hoffe sehr, dass sie noch genau das macht, wofür sie so simpel gebaut wurde.

auralumina-technik-alt-001

Ich schloss mit schwerem Herzen mit der 5D ab und sehe nun neugierig in die Zukunft mit einer aufregenden neuen und einer neuen alten Kamera. Neue Projekte warten auch in Zusammenarbeit mit Nancy.